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Sansibar oder der letzte Grund

Der Klassiker „Sansibar oder der letzte Grund" von Alfred Andersch gehörte zu meiner Schul-Zeit zur Pflicht-Lektüre – und wie bei vielen Pflicht-Lektüren hat man den Inhalt grösstenteils vergessen. Aber der Titel hat sich für immer ins Gedächtnis eingebrannt. Weil ein so schönes Wort wie „Sansibar" Fernweh wecken kann, eine Sehnsucht nach Abenteuern & fremden Welten, nach unbekannter Schönheit & wärmeren Gefilden.

Schauspieler Hugh Grant formuliert das so: „Ich kann Erfolgs-Druck nicht ausstehen. Eigentlich bin ich nur glücklich, wenn ich in den Ferien bin und der grösste Stress darin besteht, den besten Strand zu finden."

Der Sommer liegt in der Luft, die Gedanken schweifen gerne mal ab in Richtung Sand & Strand, vielleicht hat man schon konkrete Urlaubs-Pläne und zählt die Wochen bis zur Abreise. Das Reisen ist zum Hobby so vieler Menschen geworden. Man möchte ausspannen & die Batterien aufladen – aber natürlich auch etwas sehen & erleben, neue Eindrücke sammeln, Erfahrungen machen & den Horizont erweitern. Zur diesbezüglichen Inspiration kann man sich unzählige Reise- & Auswanderungs-Magazine auf (fast) allen Kanälen zu Gemüte führen. Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, alles hinter sich zu lassen, den grauen Alltag in Wanne-Eickel, Bern-Bümpliz oder Wien-Schwechat, die öde Arbeit im Büro, die nervigen Kollegen, den inkompetenten Chef, das schlechte Wetter mit den langen Winter-Monaten – und überhaupt einfach alles, das einen an der ersehnten Selbst-Verwirklichung hindert. Gemäss verschiedener Umfragen denkt fast die Hälfte der Menschen hin & wieder übers Auswandern nach. Bei den meisten bleibt es auch dabei – aber vor dem Fernseher, da reist man schon gerne immer mal wieder mit.

Mit den vielen Auswanderern auf der Suche nach neuen Spielplätzen, die ihnen das bieten sollen, was sie zu Hause längst nicht mehr finden: Motivation, Inspiration, bessere Berufs-Chancen & weniger Steuern. Oder aber ein besseres Klima, ein lockereres Leben, mehr Herzlichkeit & hoch dosierte Schönheit.

Rund 150'000 Deutsche und einige Tausend Schweizer & Österreicher jährlich setzen ihren Traum von einem besseren Leben dann doch in die Tat um. Andere Länder locken mit Neuem & potentiell Aufregendem und mildern die Auseinandersetzung mit Ängsten & Zweifeln ab.

Und es locken jede Menge Kameras, welche die geneigten Auswanderer auf ihren ersten Schritten ins gelobte Ausland begleiten. Sei es nun nach Mallorca („Nein, Spanisch kann ich nicht, aber vielleicht lern ich's noch ...") oder in die USA („Die lieben das deutsche Brot & die deutschen Autos ..."). Sei es auf die Philippinen, wo die Betreuung betagter & pflegebedürftiger Menschen noch bezahlbar ist. Oder nach Australien/Neuseeland, wo man sich den Traum vom Eigenheim mit viel Umschwung, Natur & Tieren verwirklichen möchte. Oder vielleicht doch lieber nach Jamaika, um sich – frei nach Comedian Atze Schröder – 30 cm gute Laune unterlegen zu lassen. Oder einmal mehr in die Schweiz („Grüzzi mittenand, ich bin der Heinz aus Mainz, hi hi ..."), wo es mittlerweile fast mehr Deutsche als Einheimische gibt.

Möglich ist das heute alles in Begleitung der Kamera. Mit Reality-TV *** zur neuen Realität sozusagen ... Denn bei vielen der zahlreichen Reise- & Auswanderungs-Formate handelt es sich um Reality-TV mit unterschiedlichem Inszenierungs-Grad. Wenn etwa Studenten im Ausland-Jahr oder Familien beim Auswandern mit der Kamera begleitet werden. Für einen finanziellen Zustupf & die ersehnte Aufmerksamkeit wird dann der Auszug ins vermeintliche oder tatsächliche Paradies in die Wohnzimmer der Daheim-Gebliebenen übertragen. Manche Formate inszenieren dabei sehr viel (hoher Anteil Scripted Reality ***), andere eher wenig. Wird viel inszeniert, wird auch Wert auf einen bunten Typen-Mix gelegt. Das heisst: Die einen machen ihren Weg, bringen vielleicht schon eine gute Geschäfts-Idee mit, packen gleich an und legen sich kräftig ins Zeug, perfektionieren die Fremdsprache, fügen sich ein und finden tatsächlich neue Freunde und eine neue Heimat. Und andere – aus oft nur allzu offensichtlichen Gründen – eben nicht.

Man wusste bereits in der Antike: Reisen, um alles zu verlassen, ist eine grosse Täuschung: Sich selber nimmt man überall hin mit.

Und so kommen viele schneller wieder zurück, als ihnen lieb ist. Manchmal – frei nach der Kölner Band „BAP" – resigniert, manchmal nur reichlich desillusioniert. Und natürlich wieder in Begleitung der Kamera. Denn selbstverständlich gibt es auch für „Rück-Wanderer" passende Formate.

Die „heiligen drei Könige" der populären Fernseh-Unterhaltung, wie ich sie gerne nenne, lassen grüssen: Neugier, Voyeurismus & Vergleich. Die Menschen wollen erstens unterhalten werden, und sie wollen zweitens ihren Voyeurismus befriedigen. Und das bitteschön ein bisschen heftiger & deftiger als gestern & vorgestern, denn das kennt man ja bereits. Und dann möchten die Zuschauer drittens auch vergleichen können – wenn nicht bewusst, dann unbewusst. Und dabei selber nicht allzu schlecht abschneiden ...

„Schau mal, Schatzi, das war doch klar, dass diese beiden in Mallorca nicht Fuss fassen konnten. So dämlich wie die sich angestellt haben ... Also so was würde uns nicht passieren, da würden wir uns schon besser vorbereiten. Oder gar nicht erst hingehen, ist doch alles viel zu unsicher ... Ist doch auch hier ganz schön, gell, Schatzilein ..." „Klar, Mäuschen, hol mir noch rasch ein Bier ..."

An dieser Stelle komme ich kurz auf eine mittlerweile weit verbreitete Unsitte im Reality- & Scripted-Reality-TV zu sprechen: Die Charakterisierung der Personen mit zwei Wörtern: Einem Adjektiv (Eigenschafts-Wort) und einem Substantiv (Haupt-Wort). Damit hat jeder Protagonist sofort seinen Stempel weg, und der Zuschauer kann ihn ganz einfach einordnen.

Um ja niemanden zu überfordern mit einer mehrschichtigen Betrachtungsweise ... Diese Schematisierung wird inzwischen in unzähligen Doku-Soaps gebraucht & „missbraucht". Das tönt dann etwa so: Der muntere Milch-Bauer, der romantische Rinder-Wirt, die aufgeregte Pfunds-Frau, die tätowierte Fleisch-Fachverkäuferin, der korpulente Kakteen-Züchter, der treue Transport-Unternehmer, der herzliche Hesse, der reise-freudige Rüdiger, die verträumte Vreni, die schüchterne Susi, die magersüchtige Mandy, die einsame Erika, die romantische Vanessa oder der perverse Peter.

Da blicken dann etwa der reise-freudige Rüdiger und die verträumte Vreni in einen kitschigen – da technisch aufgemotzten – Sonnen-Untergang. Und der forsche Franz ist bereits wieder unterwegs zur nächsten Palmen-Destination, wo er sich nach der Pleite in Mallorca mit der einsamen Erika (und den Kameras) eine neue Existenz aufbauen will.

Die letzten Jahre konnten durchaus mit einigen interessanten Formaten aufwarten, die dem Zuschauer verschiedene Aspekte des Reisens & Auswanderns wie auch weitgehend unbekannte Destinationen näher gebracht haben. Gerade in Zeiten beschleunigter Globalisierung (mit allen positiven und negativen Begleit-Erscheinungen) sind solcherlei Bemühungen wichtig. Und in diese Richtung wäre noch einiges mehr möglich. Leider sehen wir aber auch immer mehr Anstrengungen in Richtung verstärkter Inszenierung bei den (Reise-)Doku-Soaps – sprich viel Soap und wenig Doku.

Schliessen wir ab mit einem schönen, sehnsüchtigen Satz, wie das auch die Reise-Formate gerne tun. Der deutsche Journalist & Autor Axel Thorer formuliert ihn für uns: „Wie auf dunkelblauem Samt lagen die Sterne am afrikanischen Himmel, und ich erinnerte mich, dass X'Oli mir erzählt hatte, das seien die Lagerfeuer der Seelen auf dem Weg in die Ewigkeit."


*** Die Begriffe Reality-TV & Scripted Reality wurden im letzten Blog-Eintrag eingehend erläutert (siehe „Die tägliche Dosis Gerechtigkeit").

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Die tägliche Dosis Gerechtigkeit