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(Genussvoll) essen, um zu leben – nicht leben, um zu essen

"Am Beispiel unzähliger und oft ungeniessbarer Koch-Shows ist beweisbar, dass mit nur einer geglückten Zeugung – in dem Fall war Alfred Biolek Vater aller Töpfe – Dutzende von halb gar gekochten Bastarden in die Welt gesetzt werden können. TV-Surrogate (...), wo am Ende warmes Essen ausgeteilt wird an alle, die ausser ihrer unmittelbaren Verwandtschaft niemand kennt, geschweige denn jemand einladen würde." Soweit der deutsche Autor & Journalist Michael Jürgs zur televisionären Inflation am Herd.

In einem Werbe-Spot von Dr. Oetker aus den Anfängen der Fernseh-Werbung heisst es: „Wir wissen ja: Eine Frau hat zwei Lebens-Fragen: Was soll ich anziehen? Und was soll ich kochen?" Einer dieser Lebens-Fragen ging der Schauspieler Clemens Wilmenrod ab 1953 als erster deutscher Fernseh-Koch mit „Bitte, in zehn Minuten zu Tisch" nach, assistiert von Ehefrau Erika. Er gilt u.a. als Erfinder des Toast Hawaii, einem Imbiss-Hit der 50er Jahre. Zwar tauchten später noch weitere Köche im deutschsprachigen Fernsehen auf, aber das war lange Zeit ein sehr überschaubares Grüppchen. Die inflationäre Verbreitung von TV-Köchen erfolgte erst im neuen Jahrtausend. In wenigen Jahren erhöhte sich die Anzahl verschiedener Koch-Formate von rund einem Dutzend auf über 100. Heute wird auf allen Kanälen gekocht, gebrutzelt, paniert und flambiert – und noch mehr geredet & angepriesen. Zwar wird auch über das präsentierte Menu gesprochen – aber noch lieber über die neusten Erzeugnisse der meist prominenten Gäste, sei das nun ein Film, eine TV-Sendung, eine neue CD, ein neues Buch oder was auch immer. Und nicht zu vergessen die neusten (Buch-)Erzeugnisse der TV-Köche.

Das war beim „Vater" der modernen deutschen Koch-Sendung, Alfred Biolek, noch etwas anders. Zwar bot auch er in „Alfredissimo!" (Mitte 90er Jahre bis Mitte Nuller-Jahre) seinen prominenten Gästen eine Plattform für deren Neu-Erscheinungen. Aber im Mittelpunkt stand das Geniessen. Unvergessen vor allem die häufigen Wein-Proben während der Sendung. Unvergessen, wenn Alfred Biolek wieder einen seiner geliebten Pinot Grigios öffnete und das „Mhmmmm" kein Ende nehmen wollte. Unvergessen, wenn er den Zuschauern wieder einmal klar zu machen versuchte, dass Geschmack sehr viel mit Erinnern zu tun hat: „...nicht nur beim Wein, liebe Zuschauerinnen & Zuschauer, nicht nur beim Wein..." Und dann gab er sich kurz einer kleinen Erinnerung hin.

Heute sind Fernseh-Köche in erster Linie Unterhalter, Entertainer. Stil-bildend für den modernen Fernseh-Koch waren vor allem die Engländer mit jungen Fernseh-Köchen wie etwa Jamie Oliver. Auch wenn dieses Land nicht als Hochburg des Kulinarischen gilt, haben doch britische Fernseh-Köche wie Oliver das Berufsbild des Kochs sehr viel attraktiver gemacht. Jung, schlank, jovial und telegen zeigen sie, dass man auch in einer Fish-&-Chips-Umgebung Freude am Kochen und an gesundem Essen entwickeln kann. Freude am Zusammensein mit Familie und Freunden, am Weitergeben seines Könnens sowie an sozialen Themen wie gesundes Essen in Schul-Kantinen, Kampf gegen Übergewicht oder Koch-Jobs für Problem-Jugendliche. So stammen denn auch die meisten Original-Konzepte der heutigen deutschsprachigen Koch-Shows aus Grossbritannien und wurden mehr oder weniger abgewandelt für den hiesigen Markt.

Heute kocht Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes über. Auf (fast) allen Kanälen wird den Zuschauern erklärt, Essen sei ein wichtiger Ausdruck von Kultur und – im übertragenen Sinne – auch ein Tor zur Welt. Trotz der zahlreichen Koch-Shows kann sich aber hierzulande die Kultur des Geniessens immer weniger durchsetzen. Nur noch in jedem dritten deutschen Haushalt wird regelmässig gekocht, und der Essens-Anteil am Gesamt-Budget nimmt immer weiter ab. Es gibt immer mehr Allein-Esser (rund 40% der Deutschen frühstücken alleine) und immer weniger Familien, die gemeinsame Mahlzeiten am Tisch einnehmen.

In diese Lücke sind in den letzten Jahren zahlreiche Koch-Shows gesprungen: Je mehr das Kochen aus den Haushalten verschwunden ist, umso stärker boomt die televisionäre Koch-Manie. So greifen in verschiedenen Reality-Formaten Restaurant-Tester notleidenden Betrieben unter die Arme oder verfolgen Ernährungs- & Fitness-Berater ihre Mission von gesünderem Essen & Gewichts-Reduktion. Damit spricht man praktischerweise gleich verschiedene Ziel-Gruppen an: Hungrige, an Ernährungs-Fragen Interessierte, Körper-Bewusste, Übergewichtige, Verschuldete, Verzweifelte etc. Anhaltender Beliebtheit erfreuen sich auch verschiedene Dinner-Formate, wo sich eine kleine Gruppe von Leuten während einer Woche gegenseitig zu Hause besucht, bekocht & bewertet. Dabei kommt natürlich auch das Gespräch nicht zu kurz. Nicht-prominente Sieger gewinnen – neben Aufmerksamkeit – einen Preis, Prominente kochen für gemeinnützige Organisationen.

Einige Formate leben von der Persönlichkeit ihrer Protagonisten wie etwa „Rach, der Restaurant-Tester" (RTL) oder „Bumann, der Restaurant-Tester" (3+). Diese Allzweck-Waffen sind sozusagen Küchen-Coach, Innen-Architekt, Psychologe, Schuldner-Berater und „Super-Nanny" in einer Person.

Auch wenn die vielen Koch-Formate selbst den hingebungsvollsten Hobby-Koch langsam anöden – die Freude an abwechslungsreichem Essen wird bleiben. Aber die Innovation muss vermehrt heissen: Einfach, schnell, gesund und gut! Wirklich interessant sind doch vor allem unspektakuläre Menus, die sich ruck-zuck und ganz einfach selber nachkochen lassen. Und nicht Sterne-Köche, die sich im Fern-Duell gegenseitig mit immer neuen ausgefallenen Kreationen übertrumpfen. Damit zu Hause auch mal wieder der Herd eingeschaltet wird – und nicht immer nur der Fernseher!


Ich möchte Ihnen, liebe Leserinnen & Leser, nach Ostern – und vielleicht ein paar Osterhasen und üppigen Mahlzeiten zu viel (!) ... – fünf einfache Tipps rund ums Essen & Gesund-Bleiben mit auf den Weg geben:

1. "Eat to Live – don't Live to Eat" – (genussvoll) essen um zu leben, nicht leben um (ständig) zu essen! Dieses alte amerikanische Sprichwort ist leider vielen Amerikanern heute nicht mehr präsent – und die Folgen sind unübersehbar. Nicht nur in Amerika, sondern zunehmend auch hierzulande. Wenn wir unser Leben (bzw. unsere Freizeit) nicht mit interessanten, anregenden Gedanken & Aktivitäten füllen, füllt es sich automatisch mit Belanglosem & Unnötigem wie etwa übermässigem Essen. Wer sich nicht auf inspirierende Ideen, Tätigkeiten und Ziele konzentriert, wird schwerlich Zufriedenheit oder gar Erfüllung im Leben finden. Und sich häufiger mit Frust & Ärger etc. herumschlagen. Und dies – natürlich stark vereinfacht ausgedrückt – auch häufig mit übermässigem Essen kompensieren ...

2. Die (vernünftige) Menge macht's: Kalorien zählen oder irgendwelche strengen Einschränkungen sind überflüssig – aber wir sollten unseren gesunden Menschenverstand nicht ausschalten, wenn es ums Essen geht. Im „normalen" Alltag braucht niemand die Energie-Menge eines Tour-de-France-Fahrers! Ein gewisses generelles Masshalten ist angezeigt ... auch wenn die eine oder andere Ausnahme die Regel bestätigen darf ...  

3. Drei genussvolle Mahlzeiten am Tag, dazwischen Pause (oder fünf, wenn nötig): Geniessen Sie jede Mahlzeit ganz bewusst! Essen ist Freude, Lebenskraft, aufbauend & heilsam. Essen weckt die Lebensgeister und versorgt Ihren Körper & Geist mit Kraft & Energie. Gönnen Sie sich also dreimal am Tag eine feine Mahlzeit. Kalorien brauchen Sie dabei keine zu zählen, „trennen" müssen sie auch nichts – behalten Sie einfach den bereits erwähnten gesunden Menschenverstand eingeschaltet. Anschliessend „lösen" Sie sich wieder vom Essen – wie Sie sich etwa im Auto von einer Sicherheits-Gurte lösen. Einrasten – ausrasten. Dann ist Essens-Pause bis zur nächsten Mahlzeit (falls Sie keine so langen Pausen zwischen den Mahlzeiten aushalten, legen Sie am Vormittag und am Nachmittag eine kleine Zwischenmahlzeit ein).

4. Zwei Drittel gesund, ein Drittel nach Wahl: Meine grobe Faustregel zum Thema gesundes Essen lautet wie folgt: Essen Sie etwa zu zwei Dritteln „gesund" und zu einem Drittel, was Ihnen schmeckt. Das ist nur eine ganz grobe, ungefähre Richtlinie. Ihr Körper dankt es Ihnen, denn er wird überwiegend gesund ernährt. Ohne dass Sie wirklich auf etwas verzichten müssen, das Ihnen schmeckt. Extreme Gelüste bzw. Heisshunger-Attacken bleiben aus. Essen Sie ruhig mal ein, zwei Reihen Schokolade (oder was auch immer ...) zum Dessert – aber stecken Sie dann die restliche Tafel wieder weg. Morgen ist auch noch ein Tag!

5. Trinken Sie ausreichend – vor allem Wasser: Zwischen den einzelnen Mahlzeiten das Trinken nicht vergessen! Wasser sollte dabei die Hauptrolle spielen, ergänzt durch beispielsweise Tee oder auch mal Kaffee. 1½ Liter pro Tag reichen (ohne besondere Anstrengung bzw. Hitze). Zwischen den Mahlzeiten bedeutet auch zwischen Nachtessen und Frühstück – da lassen wir die Chips-Orgie vor dem Fernseher bleiben!


Wenn immer möglich, bauen Sie auch ein bisschen Bewegung bzw. Sport in Ihren Alltag ein. Finden Sie irgendeine Betätigung, die Ihnen zusagt und die Sie einigermassen in Ihren Alltag einbauen können. Und sei das zu Beginn „bloss" ein kleiner Spaziergang. Fangen Sie – wenn Sie nicht schon längst dabei sind – langsam an und überfordern Sie sich nicht. Lieber mässig & regelmässig als zu viel & zu schnell und viel zu schnell gar nichts mehr!

Mit der Zeit kommt dann vielleicht so etwas wie Freude an der Bewegung auf, und Sie können Ihre Aktivitäten ein bisschen steigern & ausbauen ...

Mit diesen einfachen Tipps können Sie Ihre Ess-Gewohnheiten & Ihr Gewicht dauerhaft in den Griff kriegen – versprochen!

In diesem Sinne: Lassen Sie es sich gut gehen! Und lassen Sie es sich schmecken!

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