Nein – ich bin kein Vegetarier & auch nie einer gewesen (auch wenn ich als Wenig-Fleisch-Esser problemlos auf Fleisch verzichten könnte ...). Und ich möchte aus niemandem einen Vegetarier machen, der das nicht ausdrücklich will. Aber ich plädiere mit Nachdruck dafür, beim Thema Fleisch-Produktion & -Konsum wieder vermehrt den „gesunden Menschenverstand" einzuschalten. Er scheint uns ziemlich abhanden gekommen zu sein ...

Die mannigfaltigen Probleme rund um Fleisch beruhen grösstenteils nicht darauf, dass wir Fleisch essen. Sie beruhen darauf, dass wir so  v i e l  Fleisch essen. Dass wir gedankenlos Berge von Fleisch in uns hineinstopfen. In der Schweiz etwa sind es im Durchschnitt deutlich über 1 kg pro Kopf & Woche. Hallo – aufwachen, liebe verantwortungsbewusste Konsumentinnen & Konsumenten! Dieser Beitrag soll Bewusstsein schaffen für die ganze Misere rund um unseren völlig übertriebenen Fleisch-Konsum – und den bekannten Argumenten noch ein paar neue, interessante Fakten & Facetten hinzufügen.

Folgende Aspekte stehen im Vordergrund meiner Ausführungen:

- Mais & Soja dienen zu rund 70% (!) als Tier-Futter
- Rund 1/3 der Getreide-Ernte dient ebenfalls als Tier-Futter
- Fleisch-Produktion weist schlechte Energie- & Öko-Bilanz auf
- Flächendeckende Tier-Quälerei infolge riesiger Produktions-Mengen
- Antibiotika & Stress-Hormone durchziehen unsere Fleisch-Berge
- Bio-Fleisch leidet unter weit verbreitetem Bio-Beschiss
- Klare gesundheitliche Risiken durch überhöhten Fleisch-Konsum
- Und: Es ist heutzutage schwer, ein „echter" Vegetarier zu sein!

Ich habe kürzlich in einer „Time To Do – Kommentare zum Zeitgeschehen"-Sendung (Schweiz 5) versucht, zumindest ansatzweise zu erklären, warum beim Fleisch-Konsum weniger mehr ist. Es gibt so viele gute Gründe dafür! Ich führe sie an dieser Stelle gerne ein bisschen genauer aus.

Wir konnten diesen Sommer viel über höhere Agrar-Rohstoff- & Lebensmittel-Preise lesen. Hauptgrund dafür waren Dürren in den USA und auch in Ost-Europa mit entsprechenden Ernte-Ausfällen. Ernte-Ausfälle in geringerem Ausmass waren auch anderswo zu verzeichnen. Mais- & Soja-Preise erreichten daraufhin neue Höchststände – und vor diesem Hintergrund wurde viel diskutiert über Sinn & Unsinn von Agrar-Spekulationen und auch von Bio-Treibstoffen. Wichtige & richtige Diskussionen, keine Frage. Aber in dieser ganzen Debatte tauchte kaum ein anderer Aspekt auf, der in diesem Zusammenhang nicht fehlen darf:

In der westlichen Welt landen rund 70% der Mais- & Soja-Ernte direkt im Tier-Futter (und nur etwa 3% direkt auf unserem Teller). Und auch von der weltweiten Getreide-Ernte wird rund ein Drittel umgehend an Tiere verfüttert.

Das ist den meisten Menschen in diesem Ausmass nicht bewusst. Genauso wenig wie die Tatsache, dass

rund 4/5 der globalen Agrar-Nutzfläche der Fleisch-Produktion dienen.

Vor diesem Hintergrund verwundert es auch nicht weiter, dass

zur Herstellung 1 tierischen Kalorie mindestens 7 pflanzliche Kalorien verfüttert werden müssen.

Die global (weiter) steigende gigantische Fleisch-Produktion benötigt eine ungeheure Menge an Ressourcen aller Art, enorme Produktions-Flächen, riesige Mengen an Futter-Mitteln, an Energie & Wasser und an vielem mehr. Mit einer moderaten Fleisch-Produktion und einer entsprechend optimierten Ressourcen-Verteilung könnten wir mannigfaltige Vorteile erzielen – und auch der Hunger auf der Welt müsste gewiss kein Problem mehr sein.

Es ist sicherlich niemandem entgangen, dass unsere moderne industrielle Fleisch-Produktion nur für den Preis immenser Tier-Quälerei zu haben ist. Wir wissen das – und wir versuchen es so gut wie möglich zu verdrängen. Wir wissen, dass es auch anders geht – aber wir verzichten nur ungern auf die günstigen Discount-Preise, die nichts anderes darstellen als der direkte Beweis für fürchterliche Produktions-Bedingungen.

Ich möchte das kurz am Beispiel „Huhn" erläutern. Die Supermarkt-Regale beugen sich unter der Last von Truten-Fleisch, Poulet-Schnitzeln, Puten-Brüsten und ähnlichen Erzeugnissen. Super – weisses, fettarmes & billiges Fleisch, denken sich die Konsumenten & insbesondere Konsumentinnen und greifen beherzt zu. Na dann guten Appetit ... Moderne Industrie-Hühner, muss man wissen, werden nicht nur unter engsten Platz-Verhältnissen in Batterie-Haltung herangezogen. Die Rassen werden auch so gezüchtet, dass sie möglichst viel Fleisch an der Brust ansetzen. Denn der Konsument verlangt nach Brust-Fleisch. Dieses überzüchtete Gewicht können aber die Beine nicht mehr halten, weshalb die Tiere unter chronischen Schmerzen leiden. Nach 6 – 7 Wochen wird diesem Leiden dann durch Schlachten ein Ende gesetzt.

Diese Tiere führen ein qualvolles Leben als Fleisch produzierende „Maschinen".

Und wir greifen beherzt ins Regal mit dem Poulet-Fleisch (vieles kommt aus Ost-Europa ...) und regen uns lieber darüber auf, dass in China Hunde-Fleisch gegessen wird oder so ähnlich. Oder dass vielerorts rund um den Globus der Fleisch-Konsum ansteigt, weil auch andere auf den Geschmack gekommen sind und es sich vermehrt auch leisten können. Schöne neue Welt ...

Dabei würden wir besser mal einen genaueren Blick in die Ställe bei uns um die Ecke werfen. Nicht nur, dass auch die meisten Tiere bei uns kaum Auslauf haben – die u.a. daraus resultierenden gesundheitlichen Probleme werden mit haufenweise Antibiotika und ähnlich schädlichen Substanzen bekämpft. In der Massen-Tierhaltung breiten sich daher zunehmend bakterielle Erreger aus, die gegen die gebräuchlichen Antibiotika resistent sind. Im Mai 2012 beispielsweise haben Wissenschaftler/innen der Universität Bern (zum wiederholten Male) in einer Studie nachgewiesen, dass sich multi-resistente Bakterien in verschiedenen Schweizer Nutztier-Arten eingenistet haben. Multi-resistente Keime können entstehen, wenn man in der Massen-Tierhaltung versucht, mit Antibiotika Infektionen in Schach zu halten. Die Lösung dieses Problems liegt nicht zuletzt in einer tier-gerechte(re)n Haltung, sprich mehr Auslauf – für die meisten Tiere, auch bei uns, leider ein Fremdwort ...

Es kann daher nicht gross verwundern, dass auch bei uns Menschen immer häufiger

Antibiotika-Resistenzen auftreten – eine gefährliche Entwicklung in der Human-Medizin.

Antibiotika werden immer mehr zu „stumpfen Wunder-Waffen", wie das deutsche Magazin „Spiegel" Anfang Jahr titelte. Das Thema wurde in den letzten Monaten auch in diversen Fernseh-Sendungen aufgenommen, wo sich Ärzte verschiedener Fachrichtungen besorgt über die Entwicklung äusserten. Und mehr oder weniger hilflos mit den Schultern zuckten ...

Wenig erstaunlich angesichts der Auswüchse der modernen industriellen Landwirtschaft auch die Tatsache, dass die Tiere

jede Menge Stress-Hormone produzieren, die wir Menschen beim Verzehr – genauso wie Antibiotika – unserem Körper einverleiben.

Die Lösung, wird wohl der eine oder andere Leser mittlerweile denken, heisst doch ganz einfach „Bio" bzw. Bio-Fleisch. Grundsätzlich ist das nicht falsch, aber die Realität sieht leider anders aus. Wie man sich beispielsweise Anfang September im ARD-Magazin „Fakt" vergewissern konnte. Fakt-Reporter recherchierten die Hintergründe von billigen Bio-Lebensmitteln. Und stiessen dabei auf allerlei nicht artgerechte Tier-Haltung – oder deutlicher ausgedrückt auf jede Menge Bio-Beschiss auf dem Feld & im Stall. Grosse Unterschiede zur konventionellen Fleisch-Produktion liessen sich in den gezeigten Beiträgen nicht ausmachen –

Business & Profit sind auch im Bio-Geschäft allemal wichtiger als Nachhaltigkeit & Ethik.

Zumindest vielerorts ...

Überdies wurde auch auf die – weitgehend unbekannte – Unsitte hingewiesen, dass in Deutschland jede Menge Bio-Lebensmittel vernichtet bzw. zwangs-verfüttert werden, um billigen Bio-Importen aus dem Ausland zu weichen. Wie krank ist das denn ...

Ebenfalls jetzt im September haben Wissenschaftler der renommierten amerikanischen Stanford University eine Sammel-Studie zum Thema Bio-Nahrungsmittel herausgegeben. Sie haben dafür 237 einzelne Studien zum Thema analysiert & ausgewertet. Fazit: Bio-Gemüse & -Früchte sind alles in allem nicht nahrhafter als ihre konventionellen Pendants, und sie sind genauso häufig mit gefährlichen Keimen wie etwa Koli-Bakterien kontaminiert. Allerdings enthalten Bio-Lebensmittel weniger Pestizide –

und Bio-Fleisch ist seltener mit antibiotika-resistenten Keimen belastet.

Immerhin ... In der Schweiz weisen Bio-Produkte einen Markt-Anteil von 6% auf – Tendenz weiter steigend. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt ... lange nachdem man den Überblick über den wirren Dschungel an verschiedenen Bio-Labels verloren hat ...

Ok – wir haben nun gesehen, dass unser massiver Fleisch-Konsum diverse negative Auswirkungen auf die Nutztier-Zucht, die globale Ressourcen-Verteilung und unsere Umwelt hat. Aber wie sieht es mit den gesundheitlichen Folgen von übermässigem Fleisch-Konsum für uns selber aus – abgesehen von den bereits erwähnten Antibiotika-Resistenzen? Was sagen die jüngsten Forschungs-Ergebnisse zu diesem Thema? Auch hier wurde uns diesen September eine neue, breit angelegte Langzeit-Studie der Universität Athen präsentiert. Über 16 Jahre hinweg wurde das Ess-Verhalten von rund 43'000 Frauen aufgezeichnet & analysiert – und es bestätigte sich einmal mehr, was bereits frühere Studien sowohl bei Frauen als auch bei Männern gezeigt hatten:

Deutlich mehr Herz-Kreislauf-Probleme und v.a. Herz-Infarkte & Schlaganfälle bei Viel-Fleisch-Esserinnen.

Im letzten Jahr kam überdies der unabhängige „World Cancer Research Fund" anlässlich der Auswertung von 24 Studien zum Ergebnis, dass

viel rotes Fleisch (Rind, Schwein, Lamm etc.) das Risiko klar erhöht, an Darm-Krebs zu erkranken.

Verarbeitetes Fleisch wie Würste oder Schinken („Abfall-Fleisch") solle man aus gesundheitlichen Gründen möglichst meiden. Auch das keine erstaunlichen Aussagen – ähnliche Studien-Ergebnisse gibt es im Dutzend. Mir persönlich sind keine Forschungs-Ergebnisse bekannt, die einen langfristig positiven Gesundheits-Effekt durch hohen Fleisch-Konsum (= mehr als ½ kg pro Person & Woche) aufzeigen. Dafür kenne ich verschiedene Studien, die ein erhöhtes Risiko für Diabetes, Gicht und andere Krankheiten bei langfristig übermässigem Fleisch-Verzehr belegen.

Ok, denken Sie jetzt vielleicht, das leuchtet mir ein – aber muss ich deswegen gleich Vegetarier werden?

Nein, bestimmt nicht. Das ist ohnehin eine ganz persönliche Entscheidung, die jeder mit sich selber vereinbaren muss. Respekt für jede & jeden, der sich dazu durchgerungen hat. Und es auch konsequent durchzieht. Im Alltag treffe ich eher auf „Teilzeit-Vegetarier", die am Grill kräftiger zugreifen als ich selber: „Ach, weisst Du, ich bin zwar Vegetarier, aber Hühner-Fleisch & Würste esse ich manchmal trotzdem ..." Hallo – wie doof ist das denn ... Dann bin ich nicht Vegetarier, sondern Wenig-Fleisch-Esser. Und dann nenne ich mich bitteschön auch so. Und dann passt's ...

Ohnehin ist es vor dem Hintergrund des heutigen Nahrungsmittel-Angebots alles andere als einfach, ein „echter" Vegetarier zu sein. Denn in unserer modernen Industrie-Nahrung wimmelt es nur so von Tier-Abfällen – auch & gerade in Produkten, die wir überhaupt nicht mit Fleisch in Verbindung bringen. Wie etwa Joghurt oder Quark. Haben Sie sich einmal gefragt, warum diese Produkte so cremig und/oder stichfest sind? Das verdanken sie grösstenteils Schlacht-Abfällen, sprich Rinder-Gelatine. Klar, man könnte auch pflanzliche Gelatine verwenden – tut man aber aus Kosten-Gründen nicht. Dafür muss man schon auf spezielle, teurere Produkte z.B. aus dem Reform-Haus zurückgreifen. Die handelsüblichen Quarks & Joghurts im Supermarkt enthalten Fleisch-Abfälle, und das nicht zu knapp. Nicht viel anders sieht es beispielsweise in weichen Brot-Sorten wie etwa Zopf, Laugen-Brötchen oder Gipfeli aus. Auch hier machen Schlacht-Abfälle bzw. Rinder-Gelatine den Teig schön cremig & schmackhaft ... Gleiches oder ähnliches gilt auch für zahlreiche andere industrielle Lebensmittel & Fertig-Produkte aus den Supermärkten & Discountern unseres Vertrauens.

Wir sehen also, es ist nicht leicht, ein „echter" Vegetarier zu sein!

Aber keine Bange – der Mensch ist von Natur aus „Fleisch-Fresser"; unsere Ahnen in alter Vorzeit haben immer mal wieder Fleisch gegessen, wenn sie denn ein Tier erlegen konnten. Und das war jedes Mal eine besondere Angelegenheit. In diese Richtung sollten wir uns wieder bewegen:

Dass Fleisch etwas Besonderes ist, nicht etwas Alltägliches.

So ähnlich wie es bei unseren Grosseltern der berühmte Sonntags-Braten gewesen ist. Etwas ganz Spezielles – egal ob am Sonntag oder an einem anderen Tag. Überdies macht eine begrenzte Fleisch-Produktion auch ökologisch & bio-technisch Sinn (Bio-Bauern arbeiten nach dem Prinzip des geschlossenen Kreislaufs; weil sie keinen Kunst-Dünger verwenden dürfen, müssen sie streng genommen Tiere halten).

Auf gut Neu-Deutsch heissen Wenig-Fleisch-Esser mit Fokus auf nachhaltige, erstklassige Produktion übrigens „Flexitarier" ... Soll uns recht sein, wenn's denn hilft ...

Es gibt natürlich noch eine Menge weiterer Aspekte, auf die wir an dieser Stelle nicht weiter eingehen ... ich möchte Zeit & Geduld der Leser/innen nicht noch mehr strapazieren – sondern vielmehr zum Handeln auffordern:

Essen Sie weniger Fleisch!
Weniger ist so viel mehr!

Herzlichen Dank im Namen unserer Nutz-Tiere & unserer Umwelt!



PS: Buch-Empfehlungen zum Thema:

- Richard Rickelmann: „Tödliche Ernte"
  (Wie uns das Agrar- & Lebensmittel-Kartell vergiftet)

- Jonathan Safran Foer: „Tiere essen"
  (Hier wird Klartext gesprochen, an der Grenze des Erträglichen ...)

- Karen Duve: „Anständig essen"
  (Ein Selbst-Versuch)

- David Foster Wallace: „Am Beispiel des Hummers"
  (Essay)